Schwerpunktthema:
Die alten Achtundsechziger kommen!

Neue Töne in den Alterssiedlungen:
Die 68er-Generation zieht ein.

50 Jahre nach 1968 sind die «alten Achtundsechziger» tatsächlich alt: Wer damals 23 war, ist heute mit 73 im Durchschnittsalter der SAW-Mieterinnen und -Mieter beim Einzug. Welche neuen Ansprüche, Herausforderungen und soziokulturellen Veränderungen bringt diese Klientel mit sich? In manchen Siedlungen der Stiftung Alterswohnungen ist der Wandel bereits spürbar.

Text: Isabel Baumberger,
Fotografie/Video: Dominique Meienberg

Ein Winterabend in der Siedlung Scheuchzerstrasse. Lebhaftes Stimmengewirr im schummrig beleuchteten Gemeinschaftsraum, begleitet von den Rolling Stones im Hintergrund. Ein Flyer im Eingangsbereich warnt die Nachbarn im Haus: «Wenn 68er feiern, kann es laut werden», steht da.

Wenn 68er Generation feiert, kann es auch mal laut werden.
Apérodeko mit Souvenirs aus der 68er-Zeit

Doch scheint der Lärm niemanden zu stören – umso weniger, als fast die Hälfte der Mieterinnen und Mieter am Apéro dabei ist. Organisiert haben den Anlass Ursula und Pierre Brauchli aus dem neunten Stock. Laut eigenem Bekunden gehören sie zur sogenannten «Bodega-Fraktion» im Haus – benannt nach dem gleichnamigen Szenelokal, in dem man früher revolutionäre Diskussionen führte und sich auch heute noch manchmal trifft. 1968 war Pierre Brauchli 25 Jahre alt.

Pierre Brauchli 2017 2017 1968
Pierre Brauchli 1968
Pierre Brauchli

2015, als der pensionierte Grafiker mit seiner Frau eine Dreizimmerwohnung in der frisch sanierten Siedlung Scheuchzerstrasse bezog, hatte er präzis das durchschnittliche Einzugsalter der SAW-Mieterinnen und -Mieter: 73 Jahre. Die Wohnung war für Brauchlis «so etwas wie ein Sechser im Lotto». Denn ihre frühere Altbauwohnung im Seefeld wurde saniert und wäre für das Ehepaar danach nicht mehr bezahlbar gewesen. Dass er nun unter lauter älteren Menschen wohnt, störe ihn nicht, sagt Brauchli, denn: «Ich bin ja selber alt.» Und ja, er sei ein alter 68er. Durch die Ernüchterung der späteren Jahre etwas wehmütig geworden zwar, aber den alten Überzeugungen grundsätzlich treu. «Immer noch interessiert an politischer Aktualität und kulturellem Geschehen, gern am Diskutieren oder Festen – und sicher etwas kritischer, als man es von alten Menschen bisher erwartet hat.» Brauchli schmunzelt. «Motziger sind wir», ergänzt Uschi Stähli, mit gut 66 Jahren eine der Jüngsten in der «Bodega-Fraktion», lachend.

Uschi Stähli 2017 2017 1968
Uschi Stähli 1968
Uschi Stähli

Darauf müsse sich die SAW gefasst machen, jetzt wo die 68er- und bald auch die 80er-Generation in Alterswohnungen einziehe. Und auf etwas lärmigere Aktivitäten: «Ich habe vor, an meinem kommenden 67sten Geburtstag im Gemeinschaftsraum eine richtige Party steigen zu lassen», grinst die ehemals Jugendbewegte. «Und zwar mit einem DJ.»

 

 

Video Statements
aus der Siedlung Scheuchzerstrasse
Pierre Brauchli
Pierre Brauchli
Wuwi Erhardt-Stierli
Wuwi Erhardt-Stierli
Emil Halter
Emil Halter
Uschi Stähli
Uschi Stähli

 

Die neuen und die alten Alten

Normalerweise trifft man sich im Gemeinschaftsraum zu ruhigeren Anlässen. Der von Emil Halter (81) aus der achten Etage initiierte Jassnachmittag ist zum Beispiel sehr beliebt, ebenso ein regelmässig stattfindender Kafi- und Gipfelitreff. Halter organisiert auch Samichlausnachmittage und Ausflüge zur Besichtigung von Dampflokomotiven. Mit der 68er-Bewegung habe er gar nichts am Hut gehabt, erklärt der ehemalige Mechanikermeister dezidiert: «Aufräumen hätte man mit diesen Krawallanten sollen!» Heute lebt er mit einigen der Letztgenannten im gleichen Haus – wie fühlt sich das an? Man habe keine Probleme, meint Halter. Er jedenfalls bemühe sich stets um ein gutes Miteinander.

Emil Halter 2017 2017 1968
Emil Halter 1968
Emil Halter

Ganz reibungslos scheint die Kommunikation zwischen eher traditionell denkenden Leuten und der «Bodega-Fraktion» jedoch nicht immer abzulaufen. Die umtriebige Ursula Brauchli (60) ist zwar wie ihr Mann sehr glücklich in der Siedlung Scheuchzerstrasse, eckt aber zuweilen an. Manchmal findet sie ein anonymes Schreiben im Briefkasten, das ihre Aktivitäten in ruppigem Ton kommentiert. «Unser Hausgang ist keine Müllhalde», heisst es da etwa – weil Brauchli ein paar nicht mehr benötigte, aber brauchbare und gepflegte Sachen mit der Aufschrift «zum Mitnehmen» dort deponiert hat. Spielt sich da ein kleiner Kulturclash ab?

 

Nein, meint Lilo Farrér, die sich als Sozialdienst-Verantwortliche bei der SAW unter anderem um Konflikte zwischen Mietenden kümmert. «Im Gegenteil: In der Siedlung Scheuchzerstrasse gibt es bisher überhaupt keine entsprechenden Meldungen. Man scheint dort gut miteinander zurechtzukommen – trotz unterschiedlicher Weltsichten.» Marianne Lobrinus, Leiterin des Bereichs Wohnen, bestätigt diesen Befund. Ihr fällt überdies auf, dass in neueren Siedlungen, wo entsprechend zahlreiche Mieterinnen und Mieter der 68er-Generation wohnen, besonders viele selbstorganisierte Aktivitäten stattfinden.

 

Den Kennenlern-Apéro in der Scheuchzerstrasse beim Neueinzug nach der Sanierung 2015 hat Lobrinus noch in bester Erinnerung: «Es war ein richtiges Fest – und zum ersten Mal hörten wir an einem solchen Anlass Jazz und Rock als Hintergrundmusik.» Mit der neuen Klientel würden sich allmählich auch die Ansprüche an die soziokulturelle Animation in der SAW verändern, ist Lobrinus überzeugt: «Es wird auf lange Sicht eher weniger um fixe Angebote gehen. Vielmehr wollen wir Ideen aufgreifen, Eigenaktivitäten anregen und dafür Raum und Unterstützung zur Verfügung stellen.»

Ganz reibungslos scheint die Kommunikation zwischen eher traditionell denkenden Leuten und der «Bodega-Fraktion» jedoch nicht immer abzulaufen. Die umtriebige Ursula Brauchli (60) ist zwar wie ihr Mann sehr glücklich in der Siedlung Scheuchzerstrasse, eckt aber zuweilen an. Manchmal findet sie ein anonymes Schreiben im Briefkasten, das ihre Aktivitäten in ruppigem Ton kommentiert. «Unser Hausgang ist keine Müllhalde», heisst es da etwa – weil Brauchli ein paar nicht mehr benötigte, aber brauchbare und gepflegte Sachen mit der Aufschrift «zum Mitnehmen» dort deponiert hat. Spielt sich da ein kleiner Kulturclash ab? Nein, meint Lilo Farrér, die sich als Sozialdienst-Verantwortliche bei der SAW unter anderem um Konflikte zwischen Mietenden kümmert. «Im Gegenteil: In der Siedlung Scheuchzerstrasse gibt es bisher überhaupt keine entsprechenden Meldungen.

Man scheint dort gut miteinander zurechtzukommen – trotz unterschiedlicher Weltsichten.» Marianne Lobrinus, Leiterin des Bereichs Wohnen, bestätigt diesen Befund. Ihr fällt überdies auf, dass in neueren Siedlungen, wo entsprechend zahlreiche Mieterinnen und Mieter der 68er-Generation wohnen, besonders viele selbstorganisierte Aktivitäten stattfinden. Den Kennenlern-Apéro in der Scheuchzerstrasse beim Neueinzug nach der Sanierung 2015 hat Lobrinus noch in bester Erinnerung: «Es war ein richtiges Fest – und zum ersten Mal hörten wir an einem solchen Anlass Jazz und Rock als Hintergrundmusik.» Mit der neuen Klientel würden sich allmählich auch die Ansprüche an die soziokulturelle Animation in der SAW verändern, ist Lobrinus überzeugt: «Es wird auf lange Sicht eher weniger um fixe Angebote gehen. Vielmehr wollen wir Ideen aufgreifen, Eigenaktivitäten anregen und dafür Raum und Unterstützung zur Verfügung stellen.»

Über neue Wohnbedürfnisse
nachdenken – Kritik ernst nehmen

«Raum für Eigenaktivitäten ist bei uns ein wichtiges Thema», sagt Ilka Tegeler, Bereichsleiterin Bau und Unterhalt bei der SAW. «Für neue Siedlungen sind zum Beispiel die Waschküchen im Erdgeschoss vorgesehen; sie sollen Tageslicht haben und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet sein. So können dort Treffpunktmöglichkeiten entstehen», erklärt die Architektin, die mit ihrem dreiköpfigen Team für zwei zurzeit entstehende Neubauten sowie mehrere zukünftige Projekte verantwortlich ist. Gerade im Zusammenhang mit neuen Bauvorhaben denke man auch über neuere Formen des Zusammenlebens nach – wie beispielsweise Clusterwohnen: «Mieterinnen und Mieter hätten in einer kleinen Wohneinheit ihren Privatbereich mit eigenem Bad und eigener Kleinküche», so Tegeler.

Wuwi Erhardt-Stierli 2017 2017 1968
Wuwi Erhardt-Stierli 1968
Wuwi Erhardt-Stierli

«Darüber hinaus gäbe es neben den bisher vorhandenen Gemeinschaftsräumen auch andere Orte gemeinsamer Aktivitäten – wie etwa eine grosse Küche, ein Nähatelier oder eine Bibliothek.» Für die Scheuchzerstrasse wäre die Bibliothek eine gute Idee. Denn eine informelle Büchertauschbörse nach dem Prinzip «Bring a book, take a book» gibt es schon; genutzt wird dazu der grosszügig gestaltete Eingangsbereich. «Das funktioniert super», sagt Wuwi Erhardt-Stierli, die im ersten Stock wohnt und sich zu jenen 68erinnen zählt, die damals «dabei gewesen sind – nicht beim Steineschmeissen, aber trotzdem mittendrin». Man habe gelernt, sich zu wehren und für seine Anliegen einzustehen, ist die 71-Jährige überzeugt.

Andreas Dreier, Leiter des Bereichs Spitex in der SAW, bekommt den Widerspruchsgeist der 68er-Generation bereits zu spüren. «Wir erhalten heute zahlreichere und vor allem differenziertere kritische Rückmeldungen von unserer Klientel, als das früher üblich war», sagt der 34-Jährige, der diese Veränderung grundsätzlich positiv sieht. «Wenn wir uns auf die Auseinandersetzung einlassen, steigert das die Qualität unserer Leistungen.

Miriam Andreoli und Wuwi Erhardt-Stierli während dem Apéro.
Angela Reimann gehört zum harten Kern der «Bodega-Fraktion»

Denn die Klientinnen und Klienten nehmen nicht mehr alles dankbar an – oder machen die Faust im Sack, wenn etwas nicht passt. Sondern sie weisen genau auf verbesserungswürdige Punkte hin und fordern die Qualität ein, die wir in unseren Informationsbroschüren versprechen.»

 

Im Gemeinschaftsraum der Siedlung Scheuchzerstrasse geht der Apéro seinem Ende zu. Es ist inzwischen 22 Uhr, und nur noch der «harte Kern» von rund einem Dutzend Leuten sitzt fröhlich schwatzend um ein paar zusammengerückte Tische. «I Can't Get No Satisfaction» läuft im Hintergrund. Einige Füsse der «Bodega-Fraktion» wippen dazu im Takt.

Über neue Wohnbedürfnisse
nachdenken – Kritik ernst nehmen

«Raum für Eigenaktivitäten ist bei uns ein wichtiges Thema», sagt Ilka Tegeler, Bereichsleiterin Bau und Unterhalt bei der SAW. «Für neue Siedlungen sind zum Beispiel die Waschküchen im Erdgeschoss vorgesehen; sie sollen Tageslicht haben und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet sein. So können dort Treffpunktmöglichkeiten entstehen», erklärt die Architektin, die mit ihrem dreiköpfigen Team für zwei zurzeit entstehende Neubauten sowie mehrere zukünftige Projekte verantwortlich ist. Gerade im Zusammenhang mit neuen Bauvorhaben denke man auch über neuere Formen des Zusammenlebens nach – wie beispielsweise Clusterwohnen: «Mieterinnen und Mieter hätten in einer kleinen Wohneinheit ihren Privatbereich mit eigenem Bad und eigener Kleinküche», so Tegeler. «Darüber hinaus gäbe es neben den bisher vorhandenen Gemeinschaftsräumen auch andere Orte gemeinsamer Aktivitäten – wie etwa eine grosse Küche, ein Nähatelier oder eine Bibliothek.» Für die Scheuchzerstrasse wäre die Bibliothek eine gute Idee. Denn eine informelle Büchertauschbörse nach dem Prinzip «Bring a book, take a book» gibt es schon; genutzt wird dazu der grosszügig gestaltete Eingangsbereich. «Das funktioniert super», sagt Wuwi Erhardt-Stierli, die im ersten Stock wohnt und sich zu jenen 68erinnen zählt, die damals «dabei gewesen sind – nicht beim Steineschmeissen, aber trotzdem mittendrin». Man habe gelernt, sich zu wehren und für seine Anliegen einzustehen, ist die 71-Jährige überzeugt.

Wuwi Erhardt-Stierli 2017 2017 1968
Wuwi Erhardt-Stierli 1968
Wuwi Erhardt-Stierli

Andreas Dreier, Leiter des Bereichs Spitex in der SAW, bekommt den Widerspruchsgeist der 68er-Generation bereits zu spüren. «Wir erhalten heute zahlreichere und vor allem differenziertere kritische Rückmeldungen von unserer Klientel, als das früher üblich war», sagt der 34-Jährige, der diese Veränderung grundsätzlich positiv sieht. «Wenn wir uns auf die Auseinandersetzung einlassen, steigert das die Qualität unserer Leistungen.

Miriam Andreoli und Wuwi Erhardt-Stierli während dem Apéro.
Angela Reimann gehört zum harten Kern der «Bodega-Fraktion»

Denn die Klientinnen und Klienten nehmen nicht mehr alles dankbar an – oder machen die Faust im Sack, wenn etwas nicht passt. Sondern sie weisen genau auf verbesserungswürdige Punkte hin und fordern die Qualität ein, die wir in unseren Informationsbroschüren versprechen.»

 

Im Gemeinschaftsraum der Siedlung Scheuchzerstrasse geht der Apéro seinem Ende zu. Es ist inzwischen 22 Uhr, und nur noch der «harte Kern» von rund einem Dutzend Leuten sitzt fröhlich schwatzend um ein paar zusammengerückte Tische. «I Can't Get No Satisfaction» läuft im Hintergrund. Einige Füsse der «Bodega-Fraktion» wippen dazu im Takt.

Siedlungsporträt Scheuchzerstrasse

Die Siedlung Scheuchzerstrasse:
Wohnen mit Aussicht und Bus vor der Tür

Die Siedlung Scheuchzerstrasse liegt am Hang oberhalb des Schaffhauserplatzes. Das Gebäude steht frei im Gelände und alle 70 Wohnungen bieten einen offenen Ausblick. Im Gartengeschoss sind ein städtischer Kindergarten und Hort eingemietet. Die Siedlung liegt zentral in der Nähe von Post, Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten. Die Buslinie 33 hält direkt vor der Siedlung.

Fotografie: Dominique Meienberg
 
  • Weitere Informationen zur Siedlung Scheuchzerstrasse

     

     

    Adresse
    Siedlung Scheuchzerstrasse
    Scheuchzerstrasse 85
    8006 Zürich

     

    Öffentlicher Verkehr
    Bus 33 bis Haltestelle Scheuchzerstrasse

     

    Zusätzliche Angebote
    Gemeinschaftsraum
    SAW-eigene Spitex
    Wohlfühlbad

     

     

    WebsiteDetailprospektGrundrissbeispiele

     

     

     

    Durchschnittliche Nettomiete
    Anzahl   Wohntyp Wohnfläche subventioniert selbsttragend
    6   1,5 Zimmer 46 m2 979 1177
    13   2 Zimmer 55 m2 1068 1285
    25   2.5 Zimmer 60 m2 1157 1392
    10   2,5 Zimmer gross 72 m2 1335 1606
    16   3,5 Zimmer 86 m2 1425 1713
 

Porträt: Angela Reimann-Crosara

«Freiheit! Das ist mir das Wichtigste.»

Angela Reimann-Crosara (73) verbrachte wegen einer Polioinfektion (Kinderlähmung) viel Zeit in Krankenhäusern und konnte keinen Beruf erlernen. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen arbeitete die lebensbejahende Frau mit italienischen Wurzeln teilzeitlich als Zeichnerin und produzierte Postkartenunikate. Heute bewohnt sie zusammen mit ihrem Mann eine Dreizimmerwohnung in der SAW-Siedlung Scheuchzerstrasse.

Text: Isabel Baumberger,
Video/Fotografie: Dominique Meienberg
«Freiheit! Das ist mir das Wichtigste.»
Jetzt abspielen
Ein Glas Wein in der «Bodega» – dabei steigen Erinnerungen an wilde Diskussionen in den 68er Jahren auf.
1968: Angela beim Posieren auf der Vespa eines Freundes; fahren konnte sie ihrer Krankheit wegen nur auf dem Rücksitz.

1968: Angela beim Posieren auf der Vespa eines Freundes;
fahren konnte sie ihrer Krankheit wegen nur auf dem Rücksitz.

1968: Angela beim Posieren auf der
Vespa eines Freundes; fahren konnte sie ihrer
Krankheit wegen nur auf dem Rücksitz.

«Bodega-Fraktion: So nennt sich unser freundschaftlicher Kreis von einigen lieben Menschen hier im Haus, weil die meisten von uns früher zur Stammkundschaft der ‹Bodega Española› im Zürcher Niederdorf gehörten und in dieser alten Beiz auch heute noch manchmal anzutreffen sind. Als junge Frau habe ich viele Abende dort verbracht, wenn ich nicht gerade im Spital war. Und natürlich an anderen einschlägigen Orten: Odeon, Select, Malatesta, Blutiger Daumen und wie die Beizen alle hiessen, in denen oft bis zur Polizeistunde heftig diskutiert,

Die Fotoalben werden immer voller: Angela und Frankie Reimann sind seit 1971 ein Paar.
Die Fotoalben werden immer voller: Angela und Frankie Reimann sind seit 1971 ein Paar.

geraucht, gelacht und getrunken wurde. Wir schimpften über das Establishment, demonstrierten gegen den Vietnamkrieg und begehrten gegen bürgerliche Moralvorstellungen auf. Die waren ja damals recht rigide: Das Zusammenleben ohne Trauschein war untersagt, Homosexualität wurde im Versteckten gelebt, lange Haare waren pfui, und am See gab es überall Schilder mit der Aufschrift ‹Rasen betreten verboten›.

Ja, die 68er-Jahre. Ich habe sie als wilde und schöne Zeit in Erinnerung. 1971 lernte ich – in der ‹Bodega› – meinen Mann Frankie kennen. Er war ein Sunnyboy. Kam strahlend herein, sagte: ‹Hi, Fans!›, und ich fand ihn ziemlich blöd. Zwei Jahre später heirateten wir. Er ist ein sehr, sehr lieber Mensch. Manchmal redet er ein bisschen viel – ein guter Freund nennt ihn den ‹Wörter-Tsunami›. Aber wir haben uns lieb und schauen gut zueinander.

 

Die Wohnung hier in der Scheuchzerstrasse ist ein grosses Glück für uns. Das alte Zuhause beim Schulhaus Kügeliloo zu verlassen, fiel mir zwar schwer, denn ich war dort sehr verwurzelt. Aber 2013 hatte ich zwei schwere Rückenoperationen, danach konnte ich die Wohnung wegen der Treppen kaum mehr verlassen. Hier kann ich mich wieder selbständiger bewegen, ja sogar ohne Hilfe im Quartier herumfahren mit meinem neuen elektrischen Rollstuhl. Das geniesse ich sehr, denn Freiheit ist mir das Wichtigste im Leben! Körperlich geht es mir nicht besonders gut. Mein linker Arm ist lahm, ich habe kaum mehr Kraft und sowieso alle möglichen Gebresten. Vor ein paar Jahren hatte ich sogar einen Herzstillstand – die da oben wissen wohl nicht so ganz, was sie wollen mit mir. Trotzdem: Ich gebe nicht auf und mache so viel wie möglich selber: einmal pro Woche den Boden aufwischen zum Beispiel – mit dem Wischmopp im Rollstuhl sitzend wie ein venezianischer Gondoliere. Ich habe auch gern Gäste und gehe unter Leute, wenn immer ich kann.

«wie ein venezianischer Gondoliere»: auch im Rollstuhl kann man den Boden aufnehmen.
«Wie ein venezianischer Gondoliere»: Auch im Rollstuhl kann man den Boden aufwischen.

Ich glaube, wir alten Achtundsechziger sind in manchem ein bisschen anders als andere Mieterinnen und Mieter hier. Mit uns kann man nicht über Unterhaltungssendungen reden, und darüber, dass Beni Thurnheer doch viel netter war als Roman Kilchsperger. Wir sehen selten fern, verfolgen aber das politische Geschehen aufmerksam. Stramm vereinsmässig organisierte Aktivitäten sind uns unsympathisch. Dafür treffen wir uns zum Apéro, feiern gern und interessieren uns für Neues in der Kultur. Und wenn uns etwas nicht passt, sagen wir es deutlich. Ja, ganz allgemein fühlen wir uns wohl jünger als die ‹traditionellen› Alten und benehmen uns auch so. Mit vielen Leuten hier im Haus – auch älteren – pflege ich eine gute Nachbarschaft. Anderen, bei denen ich Ablehnung spüre, weiche ich lieber aus. Es gibt hier 70 Mietparteien, da können nicht alle befreundet sein.»

Im Sommer geniessen die Reimanns den Balkon mit Sicht in die Bäume.
Im Sommer geniessen die Reimanns den Balkon mit Sicht in die Bäume.

«Bodega-Fraktion: So nennt sich unser freundschaftlicher Kreis von einigen lieben Menschen hier im Haus, weil die meisten von uns früher zur Stammkundschaft der ‹Bodega Española› im Zürcher Niederdorf gehörten und in dieser alten Beiz auch heute noch manchmal anzutreffen sind. Als junge Frau habe ich viele Abende dort verbracht, wenn ich nicht gerade im Spital war. Und natürlich an anderen einschlägigen Orten: Odeon, Select, Malatesta, Blutiger Daumen und wie die Beizen alle hiessen, in denen oft bis zur Polizeistunde heftig diskutiert, geraucht, gelacht und getrunken wurde. Wir schimpften über das Establishment, demonstrierten gegen den Vietnamkrieg und begehrten gegen bürgerliche Moralvorstellungen auf. Die waren ja damals recht rigide: Das Zusammenleben ohne Trauschein war untersagt, Homosexualität wurde im Versteckten gelebt, lange Haare waren pfui, und am See gab es überall Schilder mit der Aufschrift ‹Rasen betreten verboten›.

Die Fotoalben werden immer voller: Angela und Frankie Reimann sind seit 1971 ein Paar.
Die Fotoalben werden immer voller: Angela und Frankie Reimann sind seit 1971 ein Paar.

Ja, die 68er-Jahre. Ich habe sie als wilde und schöne Zeit in Erinnerung. 1971 lernte ich – in der ‹Bodega› – meinen Mann Frankie kennen. Er war ein Sunnyboy. Kam strahlend herein, sagte: ‹Hi, Fans!›, und ich fand ihn ziemlich blöd. Zwei Jahre später heirateten wir. Er ist ein sehr, sehr lieber Mensch. Manchmal redet er ein bisschen viel – ein guter Freund nennt ihn den ‹Wörter-Tsunami›. Aber wir haben uns lieb und schauen gut zueinander.

 

Die Wohnung hier in der Scheuchzerstrasse ist ein grosses Glück für uns. Das alte Zuhause beim Schulhaus Kügeliloo zu verlassen, fiel mir zwar schwer, denn ich war dort sehr verwurzelt. Aber 2013 hatte ich zwei schwere Rückenoperationen, danach konnte ich die Wohnung wegen der Treppen kaum mehr verlassen. Hier kann ich mich wieder selbständiger bewegen, ja sogar ohne Hilfe im Quartier herumfahren mit meinem neuen elektrischen Rollstuhl.

«wie ein venezianischer Gondoliere»: auch im Rollstuhl kann man den Boden aufnehmen.
«Wie ein venezianischer Gondoliere»: Auch im Rollstuhl kann man den Boden aufwischen.

Das geniesse ich sehr, denn Freiheit ist mir das Wichtigste im Leben! Körperlich geht es mir nicht besonders gut. Mein linker Arm ist lahm, ich habe kaum mehr Kraft und sowieso alle möglichen Gebresten. Vor ein paar Jahren hatte ich sogar einen Herzstillstand – die da oben wissen wohl nicht so ganz, was sie wollen mit mir. Trotzdem: Ich gebe nicht auf und mache so viel wie möglich selber: einmal pro Woche den Boden aufwischen zum Beispiel – mit dem Wischmopp im Rollstuhl sitzend wie ein venezianischer Gondoliere. Ich habe auch gern Gäste und gehe unter Leute, wenn immer ich kann.

 

Ich glaube, wir alten Achtundsechziger sind in manchem ein bisschen anders als andere Mieterinnen und Mieter hier. Mit uns kann man nicht über Unterhaltungssendungen reden, und darüber, dass Beni Thurnheer doch viel netter war als Roman Kilchsperger. Wir sehen selten fern, verfolgen aber das politische Geschehen aufmerksam. Stramm vereinsmässig organisierte Aktivitäten sind uns unsympathisch. Dafür treffen wir uns zum Apéro, feiern gern und interessieren uns für Neues in der Kultur. Und wenn uns etwas nicht passt, sagen wir es deutlich. Ja, ganz allgemein fühlen wir uns wohl jünger als die ‹traditionellen› Alten und benehmen uns auch so. Mit vielen Leuten hier im Haus – auch älteren – pflege ich eine gute Nachbarschaft. Anderen, bei denen ich Ablehnung spüre, weiche ich lieber aus. Es gibt hier 70 Mietparteien, da können nicht alle befreundet sein.»

Im Sommer geniessen die Reimanns den Balkon mit Sicht in die Bäume.
Im Sommer geniessen die Reimanns den Balkon mit Sicht in die Bäume.
Fotoalben

Interview: Historikerin Heidi Witzig
zur 68er-(Frauen-)Generation

«Autonom sein und nach dem eigenen Rhythmus leben: Das mögen wir.»

Heidi Witzig (74) ist Expertin für Alltags-, Geschlechter- und Frauengeschichte – und eine Feministin der 68er-Bewegung. Heute gehört sie zum Matronat der GrossmütterRevolution, einem Thinktank für engagierte ältere Frauen. 2008 gründete sie eine Alters-WG, inzwischen wohnt sie jedoch glücklich allein.

Interview: Isabel Baumberger,
Fotografie: Dominique Meienberg
Heidi Witzig